Die Arbeitsgruppe Darstellende Kunst diskutiert seit Ende 2007 Vorschläge zur Verbesserung der Situation freien Theaters in Leipzig. Nach einer Bestandsaufnahme, die auch die Diskussion seit Mitte der 90er Jahre reflektiert und die diesem Papier zugrunde liegt, werden nachfolgend die wichtigsten Eckpunkte zusammengefasst.
Wenn nachfolgend von „freiem Theater“ die Rede ist, meint dies alle Genres, d.h. selbstverständlich auch Tanz, Performance und Figuren / Objekttheater.
Insgesamt hat sich die Fördersituation freien Theaters seit Mitte der 90er Jahre erheblich verschlechtert. Noch 2002 standen für Häuser und Projekte insgesamt 649.061 € zur Verfügung. Aktuell (2007) sind es nur noch 599.480 €.
Die Tatsache, dass die Kosten für freie Theaterprojekte in den letzten fünf bis zehn Jahren erheblich gestiegen sind und gleichzeitig der Anteil der Projektförderung an der Gesamtsumme der Theaterförderung stetig gesunken sind, lässt darauf schließen, dass die aktuelle Förderpolitik die Entwicklung der freien Theaterszene nicht ausreichend reflektiert.
Wir sind der Überzeugung, dass es beides braucht: Sichere Arbeitsräume, die professionellen Theater bedürfnissen entsprechen ebenso, wie kontinuierliche Projektfinanzierungen.
In beiden Bereichen zeigt sich aber folgende Situation:
Damit wird auch der kulturpolitische Anspruch, mit professionellen Strukturen eine qualitative Entwicklung freier Theaterkunst zu befördern, nicht erreicht. Letztlich bleibt Leipzig – gerade auch angesichts der geschaffenen strukturellen Voraussetzungen (z. B. Häuser) – weit unter seinen Möglichkeiten. Arbeitsplätze werden nicht befördert. Das professionelle Potential wird außerhalb Leipzigs entwickelt. Hier entstehendes Potential der Kreativwirtschaft verlässt zur weiteren Entwicklung die Stadt.
Hatten wir in Leipzig in den 90er Jahren eine vorwiegend von Amateuren und semiprofessionellen Gruppen geprägte Freie Theater und Tanzszene, so können heute erheblich mehr Akteure auf professionellem Niveau arbeiten.
Gleichzeitig ist die Vielzahl der Theatergruppen, die Theater als Freizeitgestaltung (durchaus mit künstlerischem Anspruch) betreiben, unverändert groß geblieben.
Wir haben also eine stärker ausdifferenzierte Szene mit unterschiedlichen Arbeitsansätzen. Neu im Vergleich zu den frühen 90er Jahren ist, dass sich ein erheblicher Teil der Szene ausdrücklich als frei berufliche Theaterschaffende versteht und auch über entsprechendes Gestaltungsvermögen verfügt. Dabei ist ausdrücklich zu betonen, dass sie ihren Status als freie Künstler/innen zu einem maßgeblichen Teil bewusst wählen, um beispielsweise eigene künstlerische Themen in flachen Hierarchien bearbeiten zu können. Wir haben es mit einer anderen Art der Theaterproduktion als in (Stadttheater) Ensembles zu tun, die eine eigene Qualität besitzt.
Dazu beigetragen hat auch die kontinuierliche Programmarbeit an den institutionell geförderten Häusern. Häuser und Festivals haben intensive Verbindungen zur deutschen und europäischen freien Theaterszene etabliert, denn professionelle Theaterarbeit findet heute ganz überwiegend in überregionalen Netzwerken statt.
Somit hat die aktuelle Theaterpraxis sich in weiten Teilen vom kommunalen Förderverständnis und der durchgeführten Förderpraxis entfernt. Man spricht auf beiden Seiten schlicht von unterschiedlichen Produktionsmodellen wenn nicht gar unterschiedlichen Gegenständen.
Wir wollen eine Entwicklung freier Theaterarbeit auf mehreren Ebenen, denn freie Theaterarbeit hat verschiedene Ansprüche, Akteure und Genres. Um freies Theater entwickeln zu können ist es notwendig, im positiven Sinne zu unterscheiden.
Da sind die nichtkünstlerischen Formen des Theaters in der Freizeit, die als soziokulturelle Theater arbeit oder Darstellendes Spiel zu bezeichnen sind. Diese Laien unterscheiden sich vom Amateurtheater dadurch, dass letzteres in der Regel einen künstlerischen Anspruch verfolgt. Das professionelle freie Theater schließlich verfolgt sowohl einen künstlerischen Anspruch, wie es auch dem Lebensunterhalt der Akteure dient.
Die Trennlinie zwischen den künstlerischen Formen freier Theaterarbeit ist dabei fließend. So arbeiten beispielsweise hoch artifizielle Kunstprojekte ganz bewusst mit Amateuren oder Laien und bedienen sich gelegentlich soziokultureller Arbeitsansätze. Ebenso produzieren Amateure immer wie der bemerkenswerte künstlerische Ergebnisse. Während aber professionelles freies Theater in der Mehrheit von Akteuren getragen wird, die durch Ausbildung oder besondere Qualifikation regelmäßig ihren Lebensunterhalt durch Theater verdienen können, ist dies im Amateurtheater nicht der Fall. Gleichwohl bedienen sich viele Amateure einer professionellen Anleitung, beispielsweise durch Verpflichtung einer Choreographin oder Regisseurin. Der Einfachheit halber wollen wir im Folgenden dennoch zwischen Amateuren und Profis unterscheiden, weil die finanziellen Bedürfnisse, um die es zentral geht, klar auseinander fallen, wenn es um die Produktion und laufende Aufführung von Inszenierungen geht.
Alle Formen freien Theaters sind notwendig für das lebendige Theatergefüge einer Stadt. Sie benötigen indes unterschiedliche Voraussetzungen zu ihrer Entfaltung.
Aktuell fehlt es an einer Unterstützung vor allem der professionellen freien Theaterszene. Damit meinen wir freie Theaterkunst als Kunstproduktion, die als Ergänzung zum Theater in öffentlicher Trägerschaft verstanden wird.
Ergänzung ist von uns ausdrücklich als notwendiges Hinzutreten im Sinne einer Bereicherung gemeint. Es ist bekannt, dass Freies Theater sich als ästhetische Quelle für Theaterarbeit im Allgemeinen auszeichnen kann, und dies in der Vergangenheit immer wieder geleistet hat. In struktureller Hinsicht ist Freies Theater für viele Theater in öffentlicher Trägerschaft nach wie vor Vorbild, vor allem weil es flexibler auf aktuelle Themen reagieren kann. Wir glauben, dass eine solche Theaterkunst sich dadurch auszeichnen muss, dass sie
Die fehlende Unterstützung in Leipzig kann zentral an den Förderrichtlinien und den ausgereichten Projektmitteln festgestellt werden: weder kann mit den vorhandenen Beträgen im notwendigen Umfang auf die Anforderungen solcher Theatervorhaben reagiert werden, noch werden Kriterien einer künstlerischen Qualität im Antragsverfahren ernsthaft und überprüfbar abgefragt.
Dies hat auch negative Auswirkungen auf die Arbeit von Amateurensembles, weil sie sich mit Projekten in einem Fördertopf verglichen findet, wo wegen der Unterschiedlichkeit der Vorhaben kein Vergleich möglich ist. Dies beginnt bereits bei den Zeiträumen der Projektbeantragung.
Um freies Theater zu entwickeln ist es also notwendig, Träger und Projektziele zu unterscheiden. Ein bereits 1997 vorgelegter Vorschlag tut dies folgendermaßen:
Amateurtheater: Spielgruppen, die sich mit Theater im Sinne eines Hobbys, einer kulturellen Freizeitgestaltung beschäftigen.
Semiprofessionelles Freies Theater: Spielgruppen, die einen erheblichen Teil ihres Zeitbudgets für ihre Theaterarbeit einsetzen und einen Teil ihres Lebensunterhaltes aus Honoraren oder Einnahmen bestreiten.
Professionelles Freies Theater: Spielgruppen, die den mehrheitlichen Teil ihres Zeitbudgets für ihre Theaterarbeit einsetzen und ihren Lebensunterhalt überwiegend aus Honoraren oder Einnahmen bestreiten.
Theaterförderung soll und muss mit differenzierten Anforderungen an die Antragstellenden auf die unterschiedlichen Bedürfnisse dieser Kategorien reagieren.
Die Diskussion der freien Theaterschaffenden führt zu dem einhelligen Ergebnis, dass die aktuelle Förderpraxis durch neue Modelle abgelöst werden muss. Wir stellen auf der Basis bereits formulierter Thesen (siehe Anlage 1) fest, dass die zukünftige Förderung freier Theaterarbeit in Leipzig in drei Kategorien unterteilt werden soll, nämlich in Schwerpunktförderung, Anerkennungsförderung und Strukturförderung.
Die seit Jahren geforderte Entwicklung eines qualitativ orientierten Förderverfahrens ist weiter richtig und muss im Rahmen einer Zielstellung für die Entwicklung freien Theaters formuliert werden. Die Zielstellung soll Aufgaben von Theater und Kooperationshäusern und Projektarbeit jeweils einzeln beschreiben.
Als notwendige Ergänzung schlagen wird innerhalb der Projektförderung die mehrmalige Vergabe innerhalb eines Jahres sowie die Möglichkeit der Differenzierung von Anträgen nach gestaffelten Kriterien und damit verbundenen Zuwendungssummen vor:
Für Einzelkünstler und Gruppen
Fördervereinbarung 13 Jahre.
Höchstförderdauer: 3 Jahre. Danach 2 Jahre keine weitere Förderung in diesem Programm.
Mindestfördersumme je Jahr und Vorhaben: 20.000 €.
Vergabe durch Fachjury.
Mögliche Kriterien: Nachgewiesene künstlerisches Qualität über mindestens 3 Jahre, sehr hohe Relevanz des Vorhabens nach inhaltlichen und ästhetischen Kriterien, nachzuweisende Drittmittelquote oder Produktionspartnerschaft, überregionale Ausstrahlung (Kooperationsangebot).
Vergabe: jährlich
Mindestfördersumme je Vorhaben: 10.000 Euro
Vergabe durch Fachjury.
Mögliche Kriterien: Nachgewiesene künstlerisches Qualität über mindestens 2 Jahre, hohe Relevanz des Vorhabens nach inhaltlichen und ästhetischen Kriterien einer unabhängigen Fachjury, nachzuweisende Drittmittelquote oder Produktionspartnerschaft, regionale Ausstrahlung.
Vergabe: halbjährlich
Höchstsumme je Vorhaben: 4.000 Euro
Vergabe durch Fachamt.
Mögliche Kriterien: hohe Relevanz des Vorhabens nach inhaltlichen, ästhetischen oder gruppenspezifischen Kriterien.
Zusätzlich: Schaffung eines Feuerwehrtopfes für kurzfristige Vorhaben, Aufträge im Rahmen kommunaler Schwerpunkte, Reiseunterstützung und Ausfallersatz vor. Höchstsumme je Einzelfall: 1.000 Euro.
Insbesondere muss geprüft werden, wie die Vergabe von künstlerischen Etats für Häuser und Festivals in dieses Modell der Projektförderung integriert werden kann bzw. zu diesem hinzu tritt.
Schon kurzfristig benötigen die Häuser eine Entlastung vom Kostendruck sowie künstlerische Gestaltungsinstrumente. Priorität hat für uns jedoch die Projektförderung nach dem skizzierten Modell.
Fördermodelle).Das gesamte Dokument mit allen Anlagen kann
hier heruntergeladen werden.